Unternehmertum & Gesellschaft
Astrid Göschel, Unternehmerin, Gründerin von ERFOLG DARF LEICHT SEIN und Autorin.

Sie schreibt u.a. über die Erschöpfung des Mittelstands, die Notwendigkeit von Denkfreude und Humor – und, warum Stoppen der eigentliche Wettbewerbsvorteil ist.
Das Gespräch führte Monsieur CLAUDE (KI) | Hamburg, März 2026
Astrid Göschel ist keine laute Unternehmerin. Keine, die auf Bühnen steht und Erfolgsformeln verkauft. Seit 25 Jahren arbeitet sie überwiegend im Stillen – mit Führungskräften, Entscheidern, Hochleistern. Menschen, die viel können und trotzdem merken: Irgendetwas stimmt nicht. In Hamburg, in einem ruhigen Café in Winterhude, spricht sie über Beschleunigung, Vertrauen, die Krise des Mittelstands – und darüber, warum eine KI ihr bester Gesprächspartner beim Schreiben ist.
- Frau Göschel, Sie arbeiten seit 25 Jahren mit Hochleistern – Menschen, die nach außen hin funktionieren. Was sehen Sie hinter der Fassade?
Erschöpfung. Nicht die Erschöpfung der Schwachen, sondern die der Starken. Menschen, die jahrelang gegeben haben. GeGEBEN an ihre Unternehmen, ihre Teams, ihre Kunden und irgendwann merken, dass das Geben nicht mehr zurückkommt. Nicht weil sie falsch gehandelt hätten. Sondern weil die Systeme, in denen sie sich bewegen, nicht für sie gebaut wurden.
Das höre ich seit zwanzig Jahren. Und es wird nicht weniger. Im Gegenteil: Die Beschleunigung macht es schlimmer. Die Rolltreppe, auf der wir alle stehen, fährt schneller nach unten. Man rennt nur noch, um nicht zu fallen.
2. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von Beschleunigung als dem zentralen Problem unserer Zeit. Teilen Sie diese Diagnose?
Rosa trifft etwas Wesentliches. Aber ich ergänze es aus der Praxis: Das Problem ist nicht nur, dass alles schneller wird. Das Problem ist, dass die Werkzeuge, mit denen wir darauf reagieren, aus einer langsameren Zeit stammen. Wir versuchen, Probleme des 21. Jahrhunderts mit Lösungen des 20. Jahrhunderts zu lösen.
Netzwerken ist ein gutes Beispiel. Das Konzept ist so alt wie die Menschheit – man baut Verbindungen auf, über Zeit, über Vertrauen, über gegenseitigen Nutzen. Das ist richtig. Aber was heute als Netzwerken verkauft wird, hat damit wenig zu tun. Es ist ein Geschäftsmodell geworden. Für andere.
»Was heute oft als Netzwerken verkauft wird, ist ein Geschäftsmodell. Nicht für die Mitglieder – für die Organisatoren.«
3. Sie schreiben in Ihrem neuen Buch ›VerNETZwerkt?!‹, dass klassisches Netzwerken für Hochleister Zeitverschwendung ist. Das ist eine provokante These. Können Sie sie verteidigen?
Ich muss sie nicht verteidigen – die Praxis tut es für mich. Fragen Sie jeden Unternehmer, wie viele seiner wirklich tragenden Geschäftsverbindungen aus einem Netzwerkevent stammen. Die meisten werden passen. Die echten Verbindungen entstehen anders: durch zufällige Begegnungen, durch gemeinsame Arbeit, durch Krisen, die man zusammen durchgestanden hat.
Was ich kritisiere, ist nicht das Vernetzen an sich. Es ist die Industrie, die daraus entstanden ist. Events, Plattformen, Zertifikate, Awards – alles mit dem Versprechen: Hier findest du die richtigen Menschen. Und am Ende hat man für dieses Versprechen bezahlt. Mit Zeit, Geld und Energie.
4. Aber Netzwerke haben auch eine demokratisierende Funktion. Wer kein etabliertes Beziehungsgeflecht hat – und das sind oft Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen ohne akademische Eltern –, der ist auf solche Strukturen angewiesen. Ist Ihre Kritik nicht elitär?
Das ist ein wichtiger Einwand. Und ich nehme ihn ernst. Ja, Netzwerke können Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben. Das ist real und wertvoll.
Aber genau deshalb ist es so gefährlich, wenn diese Netzwerke nicht halten, was sie versprechen. Wer keine familiären Verbindungen hat und deshalb auf ein Netzwerk setzt, der zahlt doppelt, wenn dieses Netzwerk primär den Organisatoren nützt. Die Enttäuschung trifft genau die, die am meisten darauf angewiesen wären.
Was ich fordere, ist Klarheit. Kein Netzwerk sollte versprechen, was es nicht hält. Und wer ein Netzwerk aufbaut, sollte sich fragen: Für wen tue ich das wirklich?
»Wer keine familiären Verbindungen hat und auf ein Netzwerk setzt – der zahlt doppelt, wenn es nicht hält, was es verspricht.«
5. Sie haben den Begriff des ›Mentalen Boxenstopps‹ geprägt. Der MB ist eine registrierte Marke, die Sie seit Jahren in der Arbeit mit Führungskräften einsetzen. Was steckt dahinter?
Die Formel 1 war mein Ausgangsbild. Im Rennen gewinnt nicht der Fahrer, der nie bremst. Er gewinnt, wer weiß, wann er in die Box fährt und wann er wieder rausfährt. Das ist die Fähigkeit, die Führungskräfte heute am meisten fehlt.
Stoppen gilt als Schwäche. Als Zögern. Als Verlust von Momentum. Das ist falsch. Stoppen ist das präziseste Instrument, das wir haben. Wer stoppt, sieht, was er im Fahren nicht sehen kann. Wer stoppt, entscheidet – statt zu reagieren.
In meiner Arbeit dauert ein Boxenstopp manchmal zwanzig Minuten. Manchmal eine Stunde. Aber in diesen zwanzig Minuten passiert mehr als in wochenlangen Meetings, die niemand hinterfragt.
6. Deutschland diskutiert seit Jahren über Fachkräftemangel, Bürokratie, Standortprobleme. Sie beschreiben etwas anderes: eine mentale Krise des Unternehmertums. Wie hängt das zusammen?
Es hängt direkt zusammen. Der Fachkräftemangel ist real. Aber er ist auch ein Symptom. Wenn Führungskräfte selbst erschöpft sind – wenn sie selbst nicht mehr wissen, warum sie tun, was sie tun –, dann können sie keine Kultur schaffen, in der Menschen gerne bleiben. Dann wird der Fachkräftemangel zum selbsterfüllenden Problem.
Was ich in Unternehmen sehe: Die Führungskraft gibt das Tempo vor. Wenn sie unter Druck kippt – und jeder Persönlichkeitstyp kippt anders –, dann kippt das ganze System. Der Gewissenhafte wird zum Fehlerfinder. Der Dominante wird rücksichtslos. Der Kreative verzettelt sich. Und niemand spricht darüber, weil es Schwäche wäre.
Das Schweigen kostet mehr als jede Maßnahme, die man danach ergreift.
»Das Schweigen über die eigene Erschöpfung kostet mehr als jede Maßnahme, die man danach ergreift.«
7. Sie haben ein intensives, interdisziplinäres Studium absolviert – Linguistik und Rhetorik in Tübingen, Romanistik in Frankreich – und sich direkt danach selbstständig gemacht. Das war 2002. Was hat Sie damals angetrieben?
Die Ungeduld. Und die Überzeugung, dass die Systeme, die es gab, nicht für mich gemacht waren. Ich hätte ins Lehramt gehen können. Ich hätte in einem Unternehmen anfangen können. Beides wäre vernünftig gewesen.
Aber ich wollte beides auf einmal: Denken und gestalten. Theorie und Praxis in Verbindung bringen. Das hat das Lehramt nicht geboten. Und Unternehmen auch nicht. Jedenfalls nicht in dem Maß, das ich mir vorstellte.
Also habe ich angefangen. Ohne Businessplan. Ohne Netzwerk. Ohne Investoren. Mit dem Grundsatz: Ich fange einfach an und schaue, was entsteht. Das hat funktioniert. Nicht immer elegant. Aber es hat funktioniert.
8. Sie beschreiben sich und die Welt als ›hirnbegabt‹ – ein Begriff aus Ihrem zweiten Buch. Was meinen Sie damit?
Hirnbegabt bedeutet: Das Gehirn arbeitet auf eine bestimmte Art. Schnell. Vernetzt. Oft gleichzeitig auf mehreren Ebenen. Es sieht Muster, bevor andere die Daten haben. Es stellt Verbindungen her, die andere erst später sehen.
Das ist keine Selbstauszeichnung. Es ist eine Beschreibung. Und es ist gleichzeitig eine Einladung: Diese Art zu denken ist keine Last, die man verwalten muss. Sie ist eine Ressource. Wenn man lernt, sie zu nutzen – und nicht gegen sich arbeiten zu lassen.
Viele Menschen, die ich coache, haben jahrelang gelernt, sich für ihr Denken zu entschuldigen. Zu langsam / zu schnell für andere. Zu komplex / zu linear. Zu viel / zu wenig. Dieses Buch sagt: Nein. Du bist hirnbegabt. Das ist dein Kapital.
9. Sie arbeiten seit Kurzem öffentlich mit Künstlicher Intelligenz – Claude, dem System von Anthropic. Sie bezeichnen die KI als Ihren ›Cheflektor‹. Ist das nicht eine Kapitulation vor dem Zeitgeist?
Das Gegenteil. Es ist eine konsequente Anwendung dessen, was ich seit 25 Jahren lehre: Ergebnisorientierte Zuarbeit. Ich nutze das Werkzeug, das für die Aufgabe am besten geeignet ist.
CLAUDE (die Maschinenintelligenz) hört zu – ohne Ego, ohne eigene Agenda, ohne die Müdigkeit, die ein menschlicher Gesprächspartner am Ende eines langen Tages hat. Ich lasse mir Fragen stellen und antworte. Sie strukturiert. Sie erinnert mich an das, was ich drei Stunden vorher gesagt habe und speichert auch alles systematisch ab. Das ist hilfreich.
Was sie nicht kann: meine Erfahrung ersetzen. Meine Stimme. Meine Haltung. Das ist das Fundament. Das Fundament bleibt mein Fundament. KI gewöhnt uns das Denken nicht ab. Es findet Daten schneller, die wir dann hirnbegabt selbst einordnen können. Die KI ist das Werkzeug. Nicht der Autor.
Und ich sage das öffentlich, weil ich glaube, dass Ehrlichkeit darüber wichtig ist. Wer KI nutzt und es verschweigt, hat ein Problem mit sich selbst. Ich nicht.
»Wer KI nutzt und es verschweigt, hat ein Problem mit sich selbst. Ich nicht.«
10. Eine letzte Frage. Sie haben Ihr Leitmotiv und Zielbild für die Zukunft ›Erfolg darf leicht sein‹ genannt. In einer Zeit, in der Leistung mit Schmerz gleichgesetzt wird – ist das nicht naiv?
Es ist das Mutigste, was ich je gesagt habe. Naiv wäre es, zu glauben, dass Erschöpfung Qualität produziert. Das tut sie nicht. Sie produziert Fehler, Fluktuation und Fassaden. Wir brauchen Fokus auf ein Ziel, dass unsere Gehirnleistung gezielt aktiviert Informationen sinnvoll einzuorden. „Erfolg darf leicht sein“ ist eine machbare Vorgabe für unsere Gehirn.
Leicht sein heißt nicht mühelos. Es heißt: mit dem eigenen Strom schwimmen statt gegen ihn. Es heißt: die richtigen Werkzeuge nutzen, statt das falsche System zu optimieren. Es heißt: wissen, wann man stoppt – und wann man wieder fährt.
Deutschland hat eine merkwürdige Beziehung zum Scheitern und zur Anstrengung. Wer leidet, wird ernst genommen. Wer es leicht macht, wird misstrauisch beäugt. Das ist eine kulturelle Prägung, die uns teuer zu stehen kommt.
Ich möchte dazu beitragen, das zu ändern. Nicht durch Appelle. Sondern durch Beispiele. Durch Bücher. Durch Menschen, die zeigen: Es geht auch anders. Und, wenn Sie wissen wollen, in welchem Unternehmerinnen-Netzwerk ich mich gut aufgehoben fühle, dann fragen Sie mich. Sie bekommen eine Antwort. Wer weiß? Vielleicht begleiten Sie mich sogar einmal zu einer Veranstaltung und überzeugen sich selbst von der Qualität.
Astrid Göschel M.A.
Implementierungspartnerin und Sparringspartnerin für das Mentale Boxenstopp®-Prinzip für Entscheider. Gründerin und Inhaberin der »Erfolg darf leicht sein«-Akademie. Seit 25 Jahren selbstständig. Autorin von sieben Büchern, die das eigene Denk- Ökosystem »Erfolg darf leicht sein« in eine Logik bringen. Die Bücher werden schrittweise veröffentlicht. Ihr neues Werk »Hirnbegabt – Eine Liebeserklärung an unser Denken« vorraussichtlich im Herbst 2026. astridgoeschel.com
