Die Maschine, die uns kennt

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Von Astrid Göschl  M.A.

Was Jochen Breyers ZDF-Dokumentation über Social Media enthüllt – und was sie uns über uns selbst sagt

Quelle: Diese Bild ist ein Screenshot aus der ZDF-Dokumentation, die in diesem Artikel besprochen wird.

Zur Sendung: „Die Wahrheit über Social Media – mit Jochen Breyer“, ZDF, 26.05.2026, verfügbar in der ZDF-Mediathek.

Wir haben eine Technologie gebaut, die uns besser kennt als wir uns selbst – und ihr dann die Entscheidung überlassen, was wir denken sollen. Der ZDF-Journalist Jochen Breyer hat diese Erkenntnis in eine 44-minütige Dokumentation verwandelt. Sie sollte Pflichtlektüre sein – für jeden, der noch glaubt, er nutze Social Media. Und nicht umgekehrt.

Es gibt Sendungen, die informieren. Es gibt Sendungen, die unterhalten. Und selten – sehr selten – gibt es Sendungen, die einen nicht mehr loslassen, weil sie etwas benennen, das man längst wusste, aber noch nie so klar gesehen hat. Die Wahrheit über Social Media, am 26. Mai 2026 im ZDF ausgestrahlt und in der ZDF-Mediathek abrufbar, gehört zu dieser letzten Kategorie.

Ich empfehle diese Sendung ausdrücklich. Nicht mit dem milden Wohlwollen, mit dem man auf Bildungsformate verweist. Sondern mit der Dringlichkeit, die dem Thema angemessen ist.

Was Breyer zeigt – und wie er es zeigt

Jochen Breyer ist kein Empörungsjournalist. Er ist ein präziser Beobachter, der die Widersprüche seines Themas aushält, ohne sie vorschnell aufzulösen. Das macht diese Dokumentation so stark.

Er beginnt in einer Münchner Realschule. Schülerinnen und Schüler berichten – schonungslos, fast beiläufig – von Schlaflosigkeit, Gewaltvideos, Stunden um Stunden im Scroll-Modus. Sie stufen sich selbst als süchtig ein. Zehn Stunden täglich. Elf. Neunzehn. Ein Mädchen sagt, das Verstörendste, das sie je gesehen hat, sei ein Mensch gewesen, der sich auf Social Media das Leben nimmt. Live.

Digitaltrainer Daniel Wolff kommentiert das so: „Zehnjährige sehen Dinge, die Sie als erwachsener Mensch nicht ertragen.“ Und fügt hinzu, was eigentlich der Ausgangspunkt jeder ernsthaften gesellschaftlichen Debatte sein müsste: „Wir leben in einem Notstand.“

Das ist kein rhetorischer Überschuss. Das ist Diagnose.

Der Algorithmus als dramatis persona

Eine der klügsten Entscheidungen des Films ist eine künstlerische: Die Komikerin Anke Engelke verkörpert den Algorithmus – kühl, berechnend, allwissend, allgegenwärtig. Diese Personifikation macht sichtbar, was abstrakt bleibt, solange man es nur erklärt: dass da etwas ist, das über uns nachdenkt. Ohne uns. Für uns. Mit uns als Datenmaterial.

Algorithmen sind keine neutralen Werkzeuge. Sie sind Entscheidungsmaschinen, die optimieren – und zwar nicht für Wohlbefinden oder Wahrheit, sondern für Aufmerksamkeit und Verweildauer. Was uns erregt, ängstigt, empört oder fesselt, bekommt mehr Sichtbarkeit. Was uns in Ruhe lässt, verschwindet.

„Die Plattformen sind so designt, so gebaut, dass sie süchtig machen.“ — Klägerin-Anwältin im Social-Media-Prozess in Los Angeles, zitiert in der ZDF-Dokumentation

Breyer reist für diesen Satz nach Los Angeles. Dort laufen derzeit Klagen gegen die großen Plattformkonzerne in einem Ausmaß, das die Branche erschüttert. Die Anwältin der Klägerseite sagt, die laufenden Verfahren könnten der Beginn vom Ende von Social Media sein – zumindest in seiner jetzigen Form. Ob sie recht behält, bleibt offen. Aber dass diese Prozesse stattfinden, ist selbst schon eine historische Verschiebung.

Content-Moderation: Eine Farce mit menschlichen Kosten

Am verstörendsten ist nicht, was die Algorithmen zeigen. Am verstörendsten ist, wer darüber wacht – und unter welchen Bedingungen.

Breyer recherchiert undercover in einem Lissaboner Industriegebiet, wo junge Deutsche für TikTok arbeiten: als Content-Moderatoren. Sie prüfen stundenlang Videos. Enthauptungen. Tote Kinder. Abgetrennte Gliedmaßen. Innerhalb von Sekunden müssen sie entscheiden, was bleibt und was verschwindet. Nach vier Wochen Schulung. Ohne spezielle Ausbildung. Stundenlohn: 5.- Euro.

Breyers Fazit ist knapp und klar:

„Die Content-Moderation, wie wir sie erlebt haben, ist eine Farce.“

Das ist keine Polemik. Das ist das Ergebnis einer Recherche.

Radikalisierung, BKA und das stumpfe Schwert des Rechts

Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, sagt im Interview mit Breyer etwas, das man sich merken sollte: Kaum eine Radikalisierung in Deutschland läuft heute noch ohne Beteiligung sozialer Medien ab. Der Zusammenhang zwischen algorithmisch gesteuertem Hass und politischer Gewalt ist keine Theorie mehr. Er ist operative Ermittlungsrealität.

Was dagegen fehlt, ist einfach beschrieben: Konsequenzen. Plattformen sind gesetzlich verpflichtet, schwere Straftaten zu melden. Bei allem außer Kindesmissbrauch, so Münch, sei das Meldeverhalten „sehr dürftig“. Und Sanktionen? Fehlanzeige. Das Umsetzungsgesetz habe die Chance verpasst, hier Zähne zu zeigen.

Das stumpfe Schwert des Rechts trifft auf eine Branche, die – zumindest in den USA – gerade unter aktivem Schutz der Regierung Trump steht. Kongressabgeordnete und MAGA-nahe Influencer sagen Breyer unverblümt: Regulierung der Plattformen ist für sie gleichbedeutend mit Zensur. Punkt.

Was das mit Führung zu tun hat

Ich schreibe über diese Sendung, weil sie mein Kernthema berührt – wenn auch auf einer gesellschaftlichen Ebene, die größer ist als das einzelne Individuum, das ich in meiner Arbeit begleite.

Ich arbeite mit Entscheiderinnen und Entscheidern, die lernen wollen, zwischen Reiz und Reaktion wieder einen Raum zu schaffen. Viktor Frankls Raum. Den Raum, in dem Freiheit und Verantwortung erst möglich werden.

Social-Media-Algorithmen sind die vielleicht effizienteste Technologie, die je gebaut wurde, um genau diesen Raum zu schließen. Sie sind darauf optimiert, den Moment des Innehaltens zu verhindern. Den Gedanken, der sich querstellt. Die Pause, in der man fragt: Will ich das eigentlich sehen?

Zehnjährige, die 19 Stunden am Tag online sind, haben diesen Raum nie kennengelernt. Das ist nicht ihr Versagen. Das ist Design.

Und wer glaubt, das betreffe nur Kinder, möge sich ehrlich fragen, wie viele Entscheidungen er selbst in der letzten Woche aus einem algorithmisch aufgeheizten Gefühlszustand heraus getroffen hat. Empörung ist auch bei Erwachsenen ein zuverlässiger Reaktionstrigger.

Eine Gesellschaft, die langsam begreift

Der Dokumentation gelingt etwas, das schwerer ist, als es aussieht: Sie zeigt die Komplexität des Problems, ohne in Ohnmacht zu verfallen. Die Prozesse in den USA, die Regulierungsdebatten in Europa, die vereinzelten politischen Initiativen zum Schutz von Minderjährigen – das sind echte Verschiebungen. Langsam. Unvollständig. Aber real.

Und sie passieren, weil Menschen wie Jochen Breyer hingehen und schauen. Weil Journalismus, der seinen Namen verdient, nicht beschreibt, was die Pressestellen von Tech-Konzernen verteilen – sondern undercover in Lissabon recherchiert, mit Eltern spricht, die Tragödien erlebt haben, und sich in Los Angeles in Gerichtssäle setzt.

Das ist unbequem. Das ist zeitaufwändig. Das ist notwendig.

Fazit: Hinschauen als Haltung

Diese Sendung wegzuklicken wäre die passendste Form des Protests gegen sie. Wer nach 44 Minuten noch glaubt, sein Verhältnis zu Social Media sei ungefährdet – gut. Dann hat er eine Grundlage für diese Überzeugung. Wer danach das erste Mal ernsthaft nachdenkt, wie viel Kontrolle er über seine eigene Aufmerksamkeit wirklich hat – besser. Wer danach entscheidet, dieses Thema nicht länger anderen zu überlassen: genau richtig. Die Algorithmen arbeiten rund um die Uhr. Das Nachdenken über sie darf nicht nur dann stattfinden, wenn der nächste Skandal durchs Feed scrollt.

ZDF-SENDUNGSEMPFEHLUNG

Die Wahrheit über Social Media – mit Jochen Breyer

ZDF-Dokumentation, 43 Minuten. Verfügbar in der ZDF-Mediathek. Regie und Recherche: Jochen Breyer und Julia Friedrichs. Mit Anke Engelke als personifiziertem Algorithmus, Holger Münch (BKA-Präsident), Schülerinnen und Schülern, Content-Moderatoren und Prozessbeobachtungen aus Los Angeles.

https://www.zdf.de/play/reportagen/die-wahrheit-ueber-100/die-wahrheit-ueber-social-media—mit-jochen-breyer-100

ÜBER DIE AUTORIN

Astrid Göschel ist Linguistin (Universität Tübinen und Lyon), Brückenbauerin und EU Ambassador for Women Entrepreneurs — eine Auszeichnung der Europäischen Kommission für Unternehmerinnen, die weibliches Unternehmertum in Europa als Vorbilder aktiv fördern. Seit über 25 Jahren arbeitet sie an der Schnittstelle von Sprache, Entscheidung und Führung. Ihr Kernprodukt: der Mentale Boxenstopp® — ein modernes Organisationskonzept, das auf Multiplikatorenlogik, geschlossener Raumstruktur und absoluter Vertraulichkeit aufbaut. Für Unternehmer:innen, die Entscheidungen nicht dem Tempo überlassen wollen.

WeiterdenkBAR

Vielleicht liegt ein Teil der Antwort tatsächlich darin, wieder bewusster Sinn zu definieren — jenseits von permanenter Reizüberflutung und digitaler Daueraufmerksamkeit. In diesem Zusammenhang lohnt sich auch ein Blick auf Viktor Frankls Gedanken zur Sinnfrage.

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Astrid Göschel M.A.

Strategische Denkpartnerin für Entscheider. Inhaberin von Mentaler Boxenstopp®. EU-Botschafterin im Netzwerk weiblicher Unternehmerschaft.Sie arbeitet dort, wo wirklich gedacht wird.

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