SONGESSAY von Astrid Göschel M.
>>Klicken Sie hier den Song „Keep the wheel“ und gehen Sie mit dem Thema „Steurmann / Steuerfrau bleiben“ in Resonanz. Text von Astrid Göschel und vertont mit AI-make-song:

Es gibt einen Satz, den jeder Fahrer irgendwann lernt: Was auch passiert – lass das Lenkrad nicht los. Egal wie heftig der Wagen schlingert, egal wie unübersichtlich die Situation wird, das Loslassen ist immer die schlechtere Option. Selbst wenn die Kontrolle gerade nur teilweise da ist, ist sie besser als gar keine. Wer das Lenkrad festhält, hat noch eine Chance, die Lage zu korrigieren. Wer loslässt, gibt sie komplett ab.
Diese einfache Wahrheit aus dem Rennsport trifft im übertragenen Sinn einen zentralen Punkt der Führungsarbeit. Es gibt Phasen, in denen alles gleichzeitig zu kippen scheint – ein Projekt gerät ins Wanken, das Team ist verunsichert, die eigenen Ressourcen sind knapp. Genau in diesen Momenten entscheidet sich, wer wirklich führt: nicht, wer die perfekte Lösung hat, sondern wer am Steuer bleibt, während die Lösung erst noch entsteht.
Der Unterschied zwischen Kontrolle und Perfektion
Ein verbreitetes Missverständnis in Krisensituationen ist die Annahme, Führung bedeute, sofort die richtige Antwort zu haben. Das ist selten der Fall – und es muss es auch nicht sein. Am Steuer zu bleiben heißt nicht, jede Kurve perfekt zu nehmen. Es heißt, in der Bewegung zu bleiben, kleine Korrekturen vorzunehmen, die Übersicht nicht zu verlieren, auch wenn die Lage unübersichtlich ist.
Viele Führungskräfte verlieren in Krisenmomenten nicht deshalb die Kontrolle, weil sie objektiv handlungsunfähig sind. Sie verlieren sie, weil sie den Anspruch an sich selbst zu hoch ansetzen – und in dem Moment, in dem sie merken, dass sie nicht alles im Griff haben, innerlich loslassen. Genau das ist der gefährlichere Moment als die eigentliche Krise.
Was „Am Steuer bleiben“ wirklich bedeutet
Am Steuer zu bleiben heißt nicht, keine Angst zu haben oder keine Unsicherheit zu spüren. Auch erfahrene Rennfahrer spüren Anspannung, wenn der Wagen unkontrolliert zu schlingern beginnt. Der Unterschied liegt nicht im Fehlen der Anspannung, sondern im Umgang damit: Die Hände bleiben am Lenkrad, der Blick bleibt auf der Strecke, die nächste kleine Korrektur wird vorgenommen – auch wenn die ganze Situation noch nicht gelöst ist.
Für Führungskräfte bedeutet das: Es geht nicht darum, in der Krise keine Zweifel zu haben. Es geht darum, trotz der Zweifel handlungsfähig zu bleiben. Eine Entscheidung treffen, auch wenn sie nicht perfekt ist. Ein Signal an das Team senden, auch wenn man selbst noch nicht alle Antworten hat. Genau diese Präsenz – nicht die Fehlerlosigkeit – ist es, die in unsicheren Phasen Vertrauen schafft.
Warum Loslassen die größere Gefahr ist
Im Rennsport ist die Versuchung, das Lenkrad loszulassen, größer, als man denkt – nicht aus Faulheit, sondern aus Überforderung. Wenn der Wagen zu schlingern beginnt, ist der erste Reflex oft, die Kontrolle komplett aufzugeben, weil die Situation zu schnell, zu unübersichtlich erscheint. Doch genau dieser Reflex führt zum Kontrollverlust, den man eigentlich vermeiden wollte.
Übertragen auf den Führungsalltag heißt das: Der gefährlichste Moment ist nicht die Krise selbst, sondern der innere Moment, in dem eine Führungskraft beginnt, sich von der Verantwortung zu distanzieren – aus Erschöpfung, aus Überforderung, aus dem Gefühl, ohnehin nichts mehr ändern zu können. Wer in diesem Moment am Steuer bleibt, auch wenn die Lage unklar ist, hat die eigentliche Führungsleistung schon erbracht.
Die eigentliche Stärke
Am Steuer zu bleiben ist keine spektakuläre Leistung. Es zeigt sich nicht in einer einzigen großen Geste, sondern in der kontinuierlichen Entscheidung, präsent zu bleiben – Kurve für Kurve, Tag für Tag. Genau das macht diese Fähigkeit so wertvoll: Sie lässt sich nicht erzwingen, aber sie lässt sich üben. Wer lernt, auch in unsicheren Momenten die Hände am Lenkrad zu lassen, gewinnt nicht jedes Rennen sofort – aber er bleibt in jedem Rennen handlungsfähig.

