
“Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein.”
Drei, die das erlebt haben — und darüber reden.
Drei Menschen sitzen zusammen. Sie kennen sich flüchtig. Was sie verbindet: Sie alle haben einen Boxenstopp gemacht. Astrid ist nicht dabei. Die Namen sind geändert. Die Fälle sind real. Das Gespräch hat in etwa so stattgefunden.
Die drei:
Marcus, Mitte 40. Hat dreimal den Job gewechselt. Dachte lange, er sei schwierig.
Florian, Anfang 50. CEO. Vom eigenen Team gemieden, ohne zu verstehen warum.
Sabine, Mitte 40. Geschäftsführerin. Hat jahrelang funktioniert. Zu perfekt.
Der Abend ist schon etwas fortgeschritten. Kein Protokoll, kein Moderator.
Marcus: Ich hab lange gedacht, ich bin das Problem. Drei Stellen in acht Jahren, und überall irgendwann dasselbe. Ärger mit dem Chef, das Gefühl nicht gesehen zu werden, diese Erschöpfung, die ich mir nicht erklären konnte. Irgendwann hab ich das nach außen gegeben. War ja logisch. Wenn es überall passiert, muss es an den anderen liegen.
Sabine: Und was hat sich verändert?
Marcus: Ein Gespräch. Ich wollte eigentlich über meinen Chef reden. Und dann hat Astrid gefragt, wie mein Arbeitsplatz aussieht. Ob ich gerne alleine denke oder in Gesellschaft. Ob Lärm mich stört. Fragen, die ich nicht erwartet hatte. Und ich hab gemerkt: Ich bin geräuschempfindlich. Extrem. Ich hab das nie als Information über mich behandelt. Immer als Störung von außen.
Florian: Das kenne ich. Dieses Umdeuten.
Marcus: Genau. Ich hab aus meiner Wahrnehmung immer eine Geschichte über andere gemacht. Der Chef mag mich nicht. Das System ist gegen mich. Dabei saß ich in Großraumbüros. Dreimal. Und hab mich dreimal gefragt, warum ich nicht funktioniere.
Kurze Pause.
Sabine: Bei mir war es anders. Ich hab immer funktioniert. Das war das Problem.
Florian: Das klingt seltsam.
Sabine: Ich weiß. Aber wenn man immer liefert, immer erreichbar ist, immer die Lösung hat, irgendwann fragt keiner mehr, wie es einem geht. Die gehen davon aus, dass es Dir gut geht. Weil Du ja funktionierst. Und ich hab irgendwann nicht mehr unterscheiden können: Bin ich gut, oder bin ich nur gut darin, so zu wirken?
Marcus: Das ist ein feiner Unterschied.
Sabine: Ein sehr feiner. Und ein sehr teurer. Astrid hat mich irgendwann gefragt, wann ich zuletzt etwas getan habe, das niemand von mir erwartet hat. Nicht niemand im Unternehmen. Niemand. Ich hab lange überlegt. Dann hab ich gemerkt, dass ich keine Antwort hatte.
Florian: Bei mir hat’s das Team gespürt, bevor ich es selbst gemerkt hab. Ich wollte alles richtig machen. Kleidung, Auftreten, Entscheidungen. Immer präzise, immer vorbereitet. Und das Team ist auf Abstand gegangen. Ich hab das als Ablehnung erlebt.
Sabine: Aber?
Florian: Aber die haben sich verunsichert gefühlt. Nicht von mir als Person. Von dieser Perfektion. Die dachten, ich will ihnen zeigen, wie es richtig geht. Dabei wollte ich nur dazugehören. Auf meine Art. Die war halt zu glatt.
Pause.
Marcus: Was war das Besondere an dem Gespräch bei Astrid? Ich hatte vorher auch Coaches. Berater. Die haben auch Fragen gestellt.
Florian: Sie hat nicht genickt.
Sabine: Wie meinst Du das?
Florian: Du kennst das doch. Dieses professionelle Nicken. Diese Wärme, die man spürt und gleichzeitig weiß, dass sie auch beim nächsten so ist. Das ist nicht böse gemeint. Aber man spürt es. Man spürt, ob jemand bei einem ist oder bei seiner Methode.
Marcus: Ja, genau das. Irgendwann habe ich gemerkt: Sie ist nicht hier, um mich zu einem Ergebnis zu bringen. Sie ist einfach da. Ohne Erwartung, ohne Druck. Und genau diese bedingungslose Präsenz macht etwas mit mir: Sie schafft einen Raum, in dem ich selbst klarer werde, in dem Entscheidungen entstehen können. Und am Ende ergibt sich daraus natürlich auch ein Ergebnis – aber nicht, weil es eingefordert wird, sondern weil es sich aus mir heraus entwickelt.
Florian: Und trotzdem lässt sie dich da nicht einfach hängen.
Marcus: Nein. Gar nicht. Das hab ich auch erst später verstanden. Sie greift schon ein. Aber anders. Klarer. Punktueller.
Sabine: Eher wie ein Spiegel als wie eine Richtung.
Marcus: Genau. Wenn ich ausweiche oder mich im Kreis drehe, kommt eine Frage oder ein Satz, der sitzt. Nicht viele. Aber die richtigen.
Florian: Und sie strukturiert, ohne dass es sich nach Struktur anfühlt.
Sabine: Vielleicht ist das der Punkt. Sie ist da. Wirklich da. Und genau deshalb kann sie auch führen, wenn es nötig ist, ohne dass es wie Führung wirkt.
Sabine: Ich hab danach einen Begriff gelesen, den ich vorher nicht kannte. Performative Intimität. Wenn Nähe hergestellt wird, aber der Sender die ganze Zeit beim Sender bleibt. Und ich hab gedacht: Das ist es. Das ist der Unterschied. Die meisten, mit denen wir reden, Führungskräfte, Berater, auch wir selbst manchmal, wir signalisieren Nähe. Wir sind gut darin geworden. LinkedIn hat uns das beigebracht. Personal Branding. Wirke nahbar. Wirke authentisch.
Florian: Das Wort wirke ist das Problem.
Sabine: Genau. Es dreht die Richtung um. Nicht von innen nach außen. Sondern von der gewünschten Wirkung zurück zur Geste.
Marcus: Und wir merken es nicht mehr.
Stille.
Florian: Jemand hat mal gefragt, ob man den Boxenstopp skalieren könnte. Mehr Leute, mehr Formate, größer.
Sabine: Nein.
Florian: Ich hab auch sofort nein gedacht. Aber warum eigentlich?
Sabine: Weil es dann genau das würde, wogegen es steht. Sobald Du anfängst zu wirken statt zu sein, ist es weg. Das ist keine Einschränkung. Das ist die Qualität selbst. Es hängt an der Person. An dieser speziellen Abwesenheit von Inszenierung.
Marcus: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Das hat einer mal gesagt, der auch da war. Ich hab’s nicht verstanden, als ich’s gehört hab. Jetzt versteh ich’s.
Florian: Was mich noch beschäftigt: Dass wir das so selten erleben. Dass es uns auffällt. Das sollte doch normal sein.
Sabine: Sollte es. Ist es nicht mehr. Weil wir in einer Kommunikationskultur leben, die Nähe trainiert hat. Die Nähe optimiert hat. Und dabei vergessen hat, dass man Nähe nicht optimieren kann, ohne sie zu verlieren.
Jemand stellt sein Glas ab.
Marcus: Vielleicht braucht es dafür ein Wort. Damit man’s erkennt, wenn’s fehlt.
Sabine: Vielleicht gibt’s das Wort bald.
Die Namen sind geändert. Die Fälle sind real. Das Gespräch hat in etwa so stattgefunden.
Der Boxenstopp ist nicht für jeden. Aber wer merkt, dass er gemeint sein könnte, weiß es bereits. Melden Sie sich.
Autorennotiz
Astrid Göschel ist Boxenstopplerin, strategische Denkpartnerin für Entscheider. Mit dem Mentalen Boxenstopp® begleitet sie Führungskräfte in Momenten, die Klarheit verlangen. Abonnieren Sie die Boxenstopp News unter astridgoeschel.com. Für Podcast-Interviews ist Astrid Göschel gerne ansprechbar. Ihr Wissenskosmos mit weiteren Titeln findet sich ebenfalls auf astridgoeschel.com.
