Zwischen zwei gleich großen Heuhaufen steht ein Esel. Beide liegen in gleicher Entfernung, beide versprechen Futter, beide riechen verlockend. Der Esel wippt mit dem Kopf – nach links, nach rechts – und bleibt stehen.
Er kann sich nicht entscheiden. Und verhungert mitten im Überfluss.
Diese Parabel, die auf den französischen Philosophen Jean Buridan (um 1300–1358) zurückgeht, klingt auf den ersten Blick absurd. Doch sie beschreibt ein hochmodernes Phänomen: mentale Lähmung durch Überforderung.
Wir leben in Zeiten, in denen Führungskräfte nicht zwischen Mangel, sondern zwischen Möglichkeiten wählen müssen – täglich, unter Druck, mit zu wenig Zeit. Zwischen Sicherheit und Veränderung, Kontrolle und Vertrauen, Stabilität und Innovation. Das „Zuviel“ kann ebenso lähmen wie das „Zuwenig“.
Was dem Esel fehlt – und uns manchmal auch

Buridans Esel scheitert nicht an der falschen Priorität, sondern an der Abwesenheit eines bewussten Stopp‑Moments.
Er hat keinen Zugang zu diesem kurzen, goldenen Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion – jenem Moment, den Viktor E. Frankl als Ort der Freiheit beschreibt.
Genau dort aber beginnt mentale Stärke.
Sie zeigt sich nicht in ständiger Aktivität, sondern im bewussten Innehalten. Im Mut, zu stoppen, wahrzunehmen, zu reflektieren – und erst dann entschieden zu handeln.
Die pragmatische Wunderformel

Hinweis zur liegenden Acht:
Dieses Bild wurde mit KI erstellt und zeigt einen kleinen „Stolperstein“ (Fehler) – eine Einladung zum Nachdenken.

Malen Sie die liegende 8 mit Ihrem rechten Zeigefinger in die Luft: Rhythmisch und resonant platziert sich 2. ANERKENNEN links unten, 4. HANDELN rechts unten.
Stolpern ist nie schlecht. Erst wenn wir stolpern, denken wir nach.
Freuen Sie sich also über diesen KI-Fehler – er trainiert bereits Ihren Loop. 😊
Um diesen Prozess greifbar zu machen, nutze ich – in Coachings wie in Seminaren – eine einfache, aber wirkungsvolle Struktur: die pragmatische Wunderformel.
Sie besteht aus vier Schritten, die im Alltag wie ein kurzer innerer Loop trainiert werden können:
- Erkennen – Worum geht es gerade wirklich? (Thema)
- Anerkennen – Anerkenne das Wissen, das Thema oder das Problem
- Entscheiden – Sofort lösen / lösen lassen (1), später lösen / lösen lassen (2), Nicht lösen(3)!
- Handeln – Konsequent entlang der getroffenen Entscheidung handeln
Diese Formel hilft Themen bewusst anzupacken.
Sie verwandelt Druck in Handlungsspielraum – und Angst in Orientierung.
Vom Entweder‑oder zum Sowohl‑als‑auch

Hätte Buridans Esel einen Begleiter mit mentaler Stärke gehabt, wäre er nicht verhungert.
Ein solcher Begleiter hätte innegehalten, die Situation gespiegelt und den Fokus geweitet:
Vielleicht gibt es nicht eine richtige Entscheidung, sondern mehrere sinnvolle Wege. Vielleicht kann man erst vom linken Heuhaufen essen und dann vom rechten. Vielleicht braucht es gar keine Heuhaufen. Vielleicht erwarten uns in der entgegengesetzten Richtung viel köstlichere Dinge.
Das ist keine intellektuelle Spitzfindigkeit, sondern gelebte Selbststeuerung.
Sie entsteht im Stopp-Moment, wenn wir erkennen: Ich habe mehr als zwei Wahlmöglichkeiten. Ab drei Optionen wird es leichter. Diese Fülle entdecken wir jedoch nicht, solange unser Körper im Überlebensmodus steckt.
Fühlen wir uns bedroht, fehlt die schöpferische Kreativität, die gelassen-heitere Lösungen ermöglicht. Der Fuß auf dem Gaspedal der Lebensfreude ist blockiert. Stattdessen lähmen wir vor Schreck, erwägen Flucht – oder greifen an.

Buchempfehlung zum Thema „Angst wandeln“: Kast, Verena. Vom Sinn der Angst: wie Ängste sich festsetzen und wie sie sich verwandeln lassen. Verlag Herder GmbH, 2023.
Entscheiden heißt führen
In einer Welt voller Optionen ist Nichtstun auch eine Entscheidung – nur selten die klügste.
Buridans Esel erinnert uns daran, dass Führung dort beginnt, wo wir uns selbst führen – aus der Enge in die Weite, aus der Angst in Zuversicht.

Genau dort beginnen mentale Boxenstopps:
Nicht mit der Frage „Was ist richtig?“, sondern mit dem bewussten Atemzug dazwischen – bevor wir handeln.
Literaturhinweis:
Buridan, Jean, and Benoît Patar. Expositio et quaestiones in Aristotelis De caelo. Vol. 33. Peeters Publishers, 1996.
→ Parabel über Entscheidungsfreiheit, später sinnbildlich überliefert als „Buridans Esel“.
Hier noch ein kurzer Einblick in Viktor Frankls Denken:
Frankl identifizierte drei wesentliche Wege, auf denen Menschen Sinn im
Leben finden können: Gestaltungswerte, Erlebniswerte und Einstellungswerte.

- Schöpferische Werte manifestieren sich in dem, was wir durch unsere Arbeit, unsere Kunst oder unser Engagement in die Welt bringen. Es ist der
Akt des Schaffens, des Gebens, des Hinterlassens eines Beitrags, der dem
Leben Sinn verleiht. Ein Wissenschaftler, der mit Leidenschaft forscht, oder
ein Künstler, der sich in seinem Werk ausdrückt, findet hier seinen Sinn. - Erlebniswerte beziehen sich auf die Fähigkeit, die Welt in ihrer Schönheit
und Tiefe wahrzunehmen: in den Beziehungen zu anderen Menschen, in
der Natur, in der Musik oder in der Kunst. Es ist der Sinn, der aus der
intensiven Erfahrung des Lebens erwächst, sei es in einem Moment tiefer
Liebe oder beim Betrachten eines Sonnenuntergangs. - Einstellungswerte liefern jene Form von Sinn, die entsteht, wenn der
Mensch trotz unabänderlichen Leids erkennt, dass er eine Haltung zu seinem Schicksal einnehmen kann. Denn auch dort, wo sich – vielleicht wegen schwerer Krankheit oder anderer unbeeinflussbarer Umstände – keine Schöpfungs- und Erlebniswerte mehr verwirklichen lassen, hat der Mensch
immer noch die Freiheit, eine sinnvolle Einstellung zu seinen Umständen
einzunehmen. Hier sehen wir eine klare Parallele zur stoischen Philosophie.- Quelle: Frankl, Viktor. „11. Sinn: Viktor Frankl.“
