– Ein Gespräch mit Astrid Göschel M.A.

Frage: Frau Göschel, Ihr Vortrag- und Workshoptitel trägt den Titel „Erfolg darf leicht sein – Raus aus der Beschleunigungsfalle“ (vgl. Vortragsfolie). Was war der Auslöser, sich genau damit zu beschäftigen?
Astrid Göschel:
Der Auslöser war die Erfahrung in einem 4-jährigen Großprojekt, das ich mit Anfang 30 bereits mit eigenem Konzept fachlich und mental begleitete. Schon damals sah ich, dass immer mehr Menschen – gerade Führungskräfte und Fachkräfte – versuchen, Beschleunigung mit noch mehr Beschleunigung zu beantworten, weil Zeitfenster fehlen. Viele reagieren auf Druck mit „noch schneller, noch höher, noch weiter“ – bei ihnen schlägt der Stress direkt über die Spiegelneuronen (vgl. Joachim Bauer, 2005, Hoffmann & Campe) durch:
Sie spüren alles, schlafen schlechter und rennen innerlich wie äußerlich immer schneller. Andere versuchen, dem zu entkommen, indem sie ihre Gefühle abspalten: Sie gewöhnen sich Emotionen im Business scheinbar ab, wirken nüchtern, cool, souverän – oft mit Pokerface. Fachlich wird das gern als Belastbarkeit gefeiert, menschlich ist es eine Tragödie, denn auf Dauer zeigt sich der Preis häufig in Form von Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen. Beides – das ständige Rennen und das scheinbar Gefühlskalte – sind keine Lösungen, sondern zwei Seiten derselben Beschleunigungsfalle. Mir war wichtig zu zeigen, dass es Wege aus dieser Falle gibt und dass Erfolg tatsächlich leichter sein darf, wenn wir unser Denken und unsere Lernarchitektur ändern.
Die Lernarchitektur: DenkBar, MachBar, BeobachtBar, DankBar

Frage: In Ihrem Vortrag führen Sie die Zuhörenden durch verschiedene „Räume“: DenkBar, MachBar, BeobachtBar und DankBar. Wie sind Sie auf diese Lernarchitektur gekommen?
Die Idee einer eigenen Lern-Architektur
„Die Idee der Lernarchitektur begleitet mich eigentlich schon seit meinem Studium. Ich habe mich damals ganz bewusst für Tübingen entschieden, weil ich interdisziplinär lernen wollte – ich wollte viele Perspektiven verbinden und möglichst viel in kurzer Zeit verstehen.

Zunächst war ich für das Lehramt eingeschrieben und studierte Germanistik und Romanistik, ergänzt durch Sprachwissenschaft und Allgemeine Rhetorik. Parallel dazu verfolgte ich interdisziplinär das Studium „juristische Mediation und Verhandlungsführung“, besuchte lebendige, unfassbar spannende Vorlesungen über Strafrecht bei dem damaligen Pionier Prof. Dr. Haft und belegte gezielt Seminare in Pädagogik und Psychologie. Zahlreiche Praktika und die Ausbildung zur Rhetoriktrainerin – unter anderem mit Training von Politikern in rhetorischer Rede – rundeten meine Qualifikationen ab. Ein Stipendium in Frankreich erweiterte zudem meinen Horizont. Besonders wichtig war mir außerdem die Teilnahme an vielfältigen Tanz-Workshops, von Tango, Salsa und Country bis hin zu Afro und Flamenco.
Meine Motivation heute ist es, Talente zu entdecken und Wissen zu verbinden. Rückblickend war diese Zeit spannend, vielseitig und lehrreich. Gerade dieses Chaos zu Beginn des Studims hat mir eine wichtige Erkenntnis gebracht: Um Wissen wirklich gut zu verarbeiten, braucht es hirnfreundliche Selbstführung.
Ich griff dafür auf altes Wissen aus der Mnemonik zurück. Für mich ist unser Gehirn wie ein Denkgebäude, das auf unseren Schultern sitzt. Um es ganzheitlich nutzen zu können, muss man Räume schaffen und eine klare Grundstruktur entwerfen. Die Bezeichnung „Sprach-Architektin“, die mir von außen verliehen wurde, passte überraschend gut – auch wenn ich mich selbst nie als so strukturiert empfunden habe wie andere Menschen.
Menschen mit analytischer Veranlagung starten oft an der „linken Tür“ – bei Logik und Ordnung. Kreative dagegen beginnen eher an der „rechten Tür“, bei Ideen und Inspiration. Wer ganzheitlich lernen möchte, muss den Mut haben, das gesamte Haus zu erkunden und sich auch in die ungewohnte Hälfte zu wagen.
Bilanziell orientierte Menschen zögern häufig, Räume zu betreten, die nicht hundertprozentig klar und geordnet sind. Kreative fühlen sich in zu starren Strukturen schnell eingeengt – sie wirken dann steril und leblos.
Wer erkennt, dass er das ganze Haus bewohnen darf und selbst entscheiden kann, welche Räume er wann betritt, entwickelt Humor, Zuversicht und Lernfreude. Im Zweifel gilt: einfach ausprobieren. Ich begann an der rechten Tür und gewöhnte mir nach und nach Logik und Struktur an. Heute erlebe ich die Kombination aus Struktur, Neugier und Lebendigkeit als besonders kraftvoll und inspirierend.

Ich bin ein Mensch, der Ordnung und Klarheit braucht und liebt, um kreativ zu sein. Viele glauben ja, Kreativität entsteht im Chaos – aber für mich ist das Gegenteil der Fall. Erst durch Struktur kann mein Denken wirklich fließen.
So ist Stück für Stück meine Lernarchitektur entstanden – ein System, das Lernen gehirnfreundlich gestaltet: strukturiert, aber gleichzeitig kreativ.

Später habe ich das in meinem Buch Rhetorik-Trainings erfolgreich leiten weiterentwickelt. Schon da ging es mir darum, Menschen auf ihrer Lernreise zu begleiten, nicht nur Wissen zu vermitteln.
Der Untertitel deutet die Lernarchitektur und mein Selbstverständnis eine Bildungsreise anzubieten an.
Was mir wichtig ist zu erwähnen: Ich denke Lernen immer in mehreren Dimensionen – in Raum, Zeit und Bewegung. Es braucht geschlossene Räume, um zur Ruhe zu kommen und zu reflektieren, aber auch offene Räume, um weiterzudenken und Dinge in Bewegung zu bringen. Es braucht Zeit, um wieder bei sich anzukommen. Und all das zusammen bildet meine Lernarchitektur – sie gibt Orientierung, ohne einzuengen. Denn zu viel auf einmal ist der Tod des Denkens.
Und dann gibt es bei mir auch etwas, das ich ‚Ideensprudel‘ nenne. Ich sage immer: In jedem Raum sollte es Ideensprudel® geben – also etwas, das das Denken in Bewegung und den Körper zur Ruhe bringt.

Ganz praktisch heißt das auch: viel Wasser trinken. Unser Gehirn braucht Wasser, um gut zu arbeiten. Darum ermutige ich Menschen, beim Lernen bewusst zu trinken – das klingt einfach, ist aber ein wichtiges haptisches Element.
Es schafft neue Gewohnheiten und verbindet Denken mit Körperwahrnehmung.
„Mein ‚Ideensprudel®‘ ist also im Grunde ein hirnfreundliches Getränk – ein Symbol dafür, dass Lernen etwas Ganzheitliches ist: Es braucht Struktur, Kreativität, Bewegung – und manchmal einfach auch ein Schluck frisches Wasser für neue Ideen.“

Die DenkBar steht für das Erkennen und Anerkennen von Themen und Problemen: Wir denken Themen an ohne voreilig zu bewerten.
In der MachBar geht es darum, zu entscheiden und entschieden zu handeln: Welche Themen packen wir sofort an, welche später, welche gar nicht – und wie setzen wir unseren Machbarkeitsplan konsequent um.


Die BeobachtBar hält dann den Spiegel hin: Wir beobachten, was unsere Entscheidungen bewirken, und setzen den Loop zurück in die DenkBar – wir denken neu an, prüfen erneut Machbarkeit, entscheiden wieder und handeln erneut.
Und die DankBar schließlich erinnert daran, uns bei uns selbst, bei anderen und bei der Welt zu bedanken – Erfolge zu feiern, Achtsamkeit und Resonanz zu pflegen. So entsteht ein zyklischer, lebendiger Lernprozess statt eines einmaligen Projektes.

Die liegende Acht als neues Bild
Frage: Ein zentrales Bild Ihres Vortrags ist die liegende Acht. Sie sprechen davon, dass Sie den klassischen Eisberg „kippen“. Was genau meinen Sie damit?
Astrid Göschel: Das Eisbergmodell kennt fast jeder: Oben sieht man Zahlen, Daten, Fakten – unten, unsichtbar, liegen Bedürfnisse, Werte, Emotionen. In der alten Logik wurde das organisiert, indem man das „Oben“ an Controlling und Fachbereiche, das „Unten“ an HR oder Psychologie delegiert hat. Das war hierarchisch gedacht und hat in stabilen Umwelten eine Zeit lang funktioniert. Heute erleben wir aber, dass diese Trennung zum Problem wird: Das System lernt nicht mehr schnell und ganzheitlich genug.
In diesem Modell wird eine ursprünglich vertikale Achse in eine horizontale überführt:

Aus einem hierarchischen Oben–Unten-Bild entsteht eine liegende Acht, die Denken und Fühlen, Zahlenlogik und emotionale Resonanz auf einer Ebene sichtbar macht. Dadurch rückt das bislang Unsichtbare – die emotionale Dimension von Leistung – ins Bewusstsein und wird als eigenständige Steuerungsgröße ernst genommen.
Menschen starten an unterschiedlichen Punkten: Wer sich vor allem im Feld der Zahlen, Daten und Fakten zu Hause fühlt, beginnt auf der kognitiven Seite und balanciert Schritt für Schritt in Richtung emotionaler Qualitäten aus. Wer hingegen stark in der emotionalen Intelligenz verankert ist, erweitert seine Perspektive hin zu Struktur, Kennzahlen und analytischer Klarheit. Entscheidend ist nicht der Ausgangspunkt, sondern die Bewegung: Ein Unternehmer – und jeder Mensch – braucht beides, um in einer beschleunigten Welt wirksam und gesund zu bleiben.
Gleichzeitig ist die liegende Acht eine Art Rennfeld: Man kann sie „abfahren“ – mit den Gedanken, mit dem Körper, mit den Augen. Jede Runde durch die Schleife braucht Raum und Zeit; jede Runde ist ein Lernzyklus, in dem Menschen ihr eigenes Tempo und ihren eigenen Weg finden.

Jeder startet woanders: Der Zahlenmensch balanciert von IQ zu EQ, der Empathische von EQ zu IQ. Die liegende Acht zeigt: Unternehmer brauchen beides – für nachhaltigen Erfolg in der Beschleunigungsfalle.
Hirnfreundlich statt hirnfeindlich
Frage: Sie sprechen von „hirnfreundlichem“ und „hirnfeindlichem“ Arbeiten. Was verstehen Sie darunter?
Astrid Göschel:Hirnfreundlich ist alles, was unser Gehirn arbeitsfähig hält: Pausen, Perspektivwechsel, bewusste Reflexion, das Ernstnehmen von Gefühlen und ein wertschätzendes Miteinander. Hirnfeindlich ist der Alltag vieler Organisationen: Dauerstress, permanente Unterbrechungen, ständiger Druck, keine echten Pausen. Dann reagieren wir nur noch, statt zu gestalten. In diesem Zustand übernimmt das Notfallprogramm unseres Nervensystems – Kampf, Flucht oder Starre. Rückzug, Aggression oder Handlungsunfähigkeit sind die Folge. Genau hier setzen meine Lernarchitektur und die pragmatische Wunderformel an: Sie helfen, aus dem hirnfeindlichen Reaktionsmodus zurück in einen hirnfreundlichen, gestaltenden Modus zu wechseln.

Die pragmatische Wunderformel
Frage: Im Vortrag stellen Sie die „pragmatische Wunderformel“ vor. Was verbirgt sich dahinter – und warum „Wunder“?
Astrid Göschel: Auf das Paradoxon der „dynamischen Stabilisierung“ (nach Hartmut Rosa / Paul Virilio) antworte ich bewusst mit einem scheinbaren Gegenparadox. Der Begriff „Wunder“ ist dabei kein esoterisches Versprechen, sondern eine menschliche Reaktion auf fehlende Orientierung: Wenn Wissen nicht reicht, hoffen wir auf Wunder. Wer genauer hinschaut, erkennt jedoch, dass es umgekehrt ist – pragmatisches Handeln erzeugt das, was im Rückblick wie ein Wunder wirkt. Die pragmatische Wunderformel beschreibt dafür vier Schritte: erkennen, anerkennen, entscheiden und entschieden handeln. Zunächst linear vermittelt, werden sie später als Kreislauf trainiert.

Auf den ersten Blick klingt das einfach. In der Praxis ist es anspruchsvoll – denn jeder dieser Schritte trägt Verantwortung in sich. Und genau dort beginnt die Schwierigkeit. Der Übergang vom Erkennen zum wirklichen Anerkennen verlangt ein hohes Maß an Bewusstsein. Erkennen heißt, etwas zur Kenntnis zu nehmen. Anerkennen heißt, Verantwortung dafür zu übernehmen.
Sobald ich etwas anerkenne – etwa wissenschaftliche Fakten oder eine unbequeme Wahrheit über mein eigenes Verhalten –, muss ich Ressourcen freimachen: Zeit, Energie, Geld oder Nerven. Das sind klassische Unternehmerressourcen. Erst dann wird eine Entscheidung möglich, und erst daraus entsteht Entschiedenheit – also tatsächliches Handeln.
Viele Menschen bleiben genau hier stecken. Verantwortung wird ausgesessen statt übernommen. Das ist kein moralisches Versagen, sondern auch Biologie: Unser Gehirn ist darauf programmiert, Energie zu sparen. Unter Stress und Zeitdruck verengt sich unser Denken zusätzlich. Wir wissen dann vieles, handeln aber nicht. Wir bleiben beim Erkennen stehen.
Der entscheidende Unterschied zeigt sich genau an diesem Punkt: Bleibe ich beim Wunsch – etwa „Ich möchte abnehmen“ – oder komme ich in echte Transformation? Die vier Schritte der pragmatischen Wunderformel sind deshalb kein theoretisches Modell, sondern ein Trainingssystem. Sie helfen, Erkenntnis in Bewegung zu übersetzen.
Was bedeutet „Beschleunigungsfalle“ konkret?
Frage: Sie sprechen von einer „Beschleunigungsfalle“. Wie würden Sie diese Falle einem skeptischen Controller oder einer Naturwissenschaftlerin erklären?

Die Beschleunigungsfalle entsteht, wenn wir Zeitmangel spüren und darauf mit noch mehr Aktivität reagieren. Wir versuchen, Tempo durch Tempo zu lösen. Kurzfristig mag das die Leistung steigern, langfristig sinkt jedoch die Qualität der Entscheidungen, Fehler häufen sich, Beziehungen leiden, die Gesundheit leidet. Unter Druck verengt sich unsere Wahrnehmung: Wir sehen nur noch unseren eigenen Bereich und verlieren den Blick für Zusammenhänge. Für Organisationen bedeutet das massive Produktivitätsverluste, für Menschen ist es eine Zumutung. Die Beschleunigungsfalle ist damit nicht nur ein psychologisches Phänomen, sondern ein strukturelles Problem – das Geld kostet und krank machen kann.
Aggression und Epigenetik | Prof. Dr. Joachim Bauer
Frage: Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf Prof. Dr. Joachim Bauer. Warum ist seine Arbeit für Sie wichtig?
Astrid Göschel:
Joachim Bauer zeigt sehr eindrücklich, wie eng unser Erleben von Beziehung, Kooperation oder eben deren Störung mit unserem Körper und sogar mit epigenetischen Veränderungen verknüpft ist. Er ist Ponier auf seinem Gebiet und kann auch beweisen, das Gene von Natur aus kooperiereren. Gute Beziehungen stärken unser Immunsystem nachweislich. Aggression – gegen uns selbst oder gegen andere – bleibt nicht folgenlos, sie hinterlässt Spuren in unseren Genen. Unser Körpergedächtnis ist hochaktiv. Das heißt nicht, dass Aggression grundsätzlich schlecht ist. Es bedeutet vielmehr, dass unter dauerndem Druck und in dauerhaft schlechten Beziehungsqualitäten nicht nur die psychische Belastung steigt, sondern sich auch langfristig Krankheiten entwickeln können. Für mich ist das ein wichtiger Beleg dafür, dass Beziehung und Kooperation keine „weichen“ Themen sind, sondern harte, gesundheitlich und gesellschaftlich relevante Faktoren. Wenn wir die Beschleunigungsfalle ernst nehmen, müssen wir auch diese Zusammenhänge ernst nehmen.




MonoLOGOS, DiaLOGOS und Weltbeziehung
Frage: Sie sprechen manchmal von Monologos, Dialogos und Weltbeziehung auf. Was hat es damit auf sich?
Für die Strukturierung der BeobachtBar-Ebene arbeite ich mit drei Arbeitsbegriffen: MonoLOGOS, DiaLOGOS und Weltbeziehung.
- MonoLOGOS beschreibt den inneren Monolog: Wie spreche ich mit mir selbst? Welche Geschichten erzähle ich mir, wie bewerte ich mich, andere, Situationen?
- DiaLOGOS richtet den Blick auf die Ich-Du-Beziehung: Was passiert zwischen mir und dir – im Gespräch, im Konflikt, in der Zusammenarbeit?
- Weltbeziehung schließlich, in Anlehnung an Hartmut Rosa, beschreibt die Resonanz zwischen Ich und Welt: die Qualität meiner Beziehung zum Wir, zur Organisation, zur Gesellschaft und zur Welt als Ganzes.
In der BeobachtBar lade ich dazu ein, auf allen drei Ebenen zu reflektieren: Was verändert sich bei mir? Was verändert sich zwischen uns? Und was verändert sich in meiner Beziehung zur Welt? So werden Lernprozesse differenzierter und anschlussfähig sowohl für Wissenschaft als auch für Praxis.
DankBar: Erfolge feiern und Achtsamkeit üben
Frage: Sie haben zusätzlich eine vierte Ebene eingeführt: die DankBar. Welche Rolle spielt Dankbarkeit in einem Kontext, der oft von Leistungsdruck geprägt ist?
Astrid Göschel:
Dankbarkeit klingt zunächst „weich“, ist aber eine hochwirksame Ressource. In beschleunigten Systemen hetzen wir von Aufgabe zu Aufgabe, ohne Erfolge wahrzunehmen oder zu würdigen. Das ist fatal, denn unser Nervensystem braucht Erholung und positive Markierungen.
Die DankBar lädt ein, bewusst Danke zu sagen – sich selbst gegenüber („Was habe ich heute gut gemacht?“), anderen gegenüber („Wofür bin ich dir dankbar?“) und der Welt gegenüber („Was gelingt uns als Team, als Organisation, als Gesellschaft?“). So entstehen Achtsamkeit, Resonanz und ein konstruktiverer Umgang mit Fehlern und Lernen.
Erfolg wird dadurch wirklich leicht – nicht im Sinne von „ohne Anstrengung“, sondern im Sinne von: Die Anstrengung steht im Dienst von etwas Sinnvollem und wird innerlich getragen.
Messbarkeit: Körperliche Kraft statt nur Kopfentscheidung
Frage: Viele Entscheider:innen fragen nach Messbarkeit: Woran merken wir, dass Ihr Ansatz wirkt – jenseits eines guten Gefühls?
Astrid Göschel:
Messbarkeit ist möglich – nur anders, als Techniker oder Menschen aus naturwissenschaftlichen Bereichen oft erwarten. Ich arbeite u.a. mit dem BDORT (Bi-Digital O-Ring Test) der ursprünglich aus der Medizin (Prof. Omura) stammt, um zu testen, welche Stoffe ein Mensch braucht. Im Performance-Coaching wird dies als Myostatik-Test eingesetzt: Ein Fingertest an den Händen zeigt schnell, ob für ein konkretes Ziel ausreichend Kraft vorhanden ist – oder nicht.
BDORT (Bi-Digital O-Ring Test) is a simple, non-invasive early medical diagnostic method that can also be used therapeutically. It was discovered by Professor Yoshiaki Omura, M.D., Sc.D., who received a U.S. Patent for his invention in 1993.
Die zentrale Frage geht nicht an den Kopf: „Traue ich mir das zu?“ – denn der sagt bei Entscheider:innen fast immer „Ja“. Die Frage geht an den Körper: „Habe ich für das, was jetzt ansteht, wirklich die nötige Kraft?“
Der Fingertest liefert unmittelbares Feedback und kann sogar über Skalenwerte anzeigen, wie tragfähig ein Vorhaben in diesem Moment ist. So wird die Beschleunigungsfalle körperlich sichtbar – und Veränderung lässt sich körperlich messen.
Augenbewegung und Online-Erschöpfung
Frage: Sie sprechen auch von der Bedeutung von Augenbewegungen, gerade in Zeiten von vielen Online-Meetings. Was hat das mit Beschleunigungsfalle und Gesundheit zu tun?
Astrid Göschel: Unsere Augen spielen eine zentrale Rolle für Regeneration und Stressabbau. Tiefer, erholsamer Schlaf hängt eng mit unseren REM‑Phasen zusammen, also mit Phasen intensiver Augenbewegung. (Kurz erklärt: Die drei Buchstaben stehen für die englische Bezeichnung „Rapid Eye Movement“. Sie beschreibt die schnellen Augenbewegungen, die sich in diesem Schlafstadium beobachten lassen. Charakteristisch für den REM-Schlaf sind außerdem besonders lebhafte Träume und eine hohe Gehirnaktivität.)

Wenn wir aber Tag für Tag stundenlang reglos in Bildschirme schauen, in Online-Meetings möglichst still sitzen, permanent in die Kamera blicken und uns kaum bewegen, kommen wir in eine Art visuelle Starre.
(Fotos aus der Praxis | In Online-Meetings fixieren wir starr die Kamera.)
Das kostet Kraft – auch wenn wir das oft erst spät merken. In meinen Vorträgen zeige ich einfache Übungen, etwa mit der liegenden Acht, bei denen die Augen bewusst in Bewegung kommen. Auf den ersten Blick unscheinbar, entfalten diese Übungen einen spürbaren Effekt auf Entspannung und Präsenz.
Gleichzeitig plädiere ich für eine Anpassung der Meetingkultur: Fotos und Kamerapräsenz zu Beginn sind sinnvoll, danach sollten Menschen Phasen haben, in denen sie die Kamera ausschalten, sich bewegen und ihre Augen entlasten können. Alles andere führt langfristig zu Augenermüdung – und damit zu einem weiteren Baustein der Beschleunigungsfalle.
„Ist das nicht esoterisch oder überfordernd?“
Frage: Wenn Sie über Körpertests, Augenbewegungen und die Beschleunigungsfalle sprechen – haben Sie keine Sorge, dass manche Sie für „zu spirituell“ halten oder sich von der Fülle des Ansatzes überfordert fühlen?
Astrid Göschel:
Die Lage in vielen Organisationen ist aus meiner Sicht Alarmstufe Rot. Es bleibt keine Zeit für Schönwetter-Kosmetik. Menschen, die zu mir kommen, spüren in der Regel, dass sie Unterstützung brauchen, wollen Verantwortung übernehmen und sind bereit, sich auf Neues einzulassen. Wer schon tief im Burnout steckt oder das Thema zynisch abtut, braucht andere Formen von Hilfe – diagnostisch, psychotherapeutisch, medizinisch. Dafür arbeite ich eng mit Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen und Psycholog:innen zusammen, die Erfahrung mit Hochsensibilität, Hochbegabung und neurodiversen Mustern haben.
Besonders am Herzen liegt mir eine Gruppe: sehr analytische Menschen, oft über Jahre oder Jahrzehnte erfolgreich, deren Karriere vor allem auf kognitiver Brillanz basiert. Wenn diese Menschen heute noch die Augen rollen, sobald etwas Ungewohntes auftaucht und es vorschnell als „Spiritualität“ abtun, lohnt sich ein zweiter, tieferer Blick.

Erfahrungsgemäß sind es häufig genau diejenigen, die an einem inneren Konflikt leiden: Nach außen wirken sie innovativ und zukunftsorientiert, innerlich meiden sie jede echte Veränderung wie das sprichwörtliche Weihwasser. Dieses reflexhafte Abwerten neuer Ansätze ist meist kein Zeichen von Überlegenheit, sondern eine Schutzreaktion – ein Abwehrmodus gegen alles, was das eigene Denkgebäude irritieren könnte.
Wer so reagiert, bremst nicht nur sich selbst, sondern oft auch sein Umfeld und die Innovationskraft des gesamten Unternehmens. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Was früher vorschnell als „spirituell“ oder „merkwürdig“ abgetan wurde, erweist sich später häufig als wichtiger Entwicklungsschritt. Entscheidend ist, ob wir neugierig bleiben – oder unsere eigene Vergangenheit verteidigen, bis sie uns einholt.
Meine Partner:innen wissen: Wissen muss in der Praxis tragen – ähnlich wie bei einer neuen IT-Lösung. Am Anfang versteht man nicht alle Details, aber man entscheidet sich bewusst, einem tragfähigen System und der Kompetenz der Implementierenden zu vertrauen und hinein zu wachsen. Wer versucht, vorher jede Eventualität intellektuell abzusichern, bleibt im alten IQ-Modus stecken.
Ich arbeite gezielt an der Verbindung von IQ und EQ – und mit KI meine ich Körperintelligenz, nicht kreatives Chaos. Es geht um ausbalancierte Metakompetenzen und eine reifere Sprache für das eigene Erleben. Dazu gehört, dass Menschen, die bisher gewohnt waren, dass sich alles an ihre Denk- und Sprachweise anschmiegt, sich als Lernende begreifen.
Die Zeiten, in denen wenige vom „Papst-Sessel“ aus definierten, was richtig ist, sind vorbei. Viele, die früher als Lernende galten – etwa hochsensible Menschen oder solche mit ungewohnten Perspektiven – werden heute zu wichtigen Lehrenden. Wer sich darauf einlässt, findet in meiner Arbeit klare, strukturierte und sehr pragmatische Unterstützung.
Lernen: Vom Schlagwort zur Praxis
Frage: Viele Unternehmen reden von Agilität, New Work, Kooperation. Sie sagen: „Das reicht nicht, es sind nur Schlagworte.“ Was braucht es stattdessen?
Astrid Göschel: Schlagworte sind wie Etiketten – sie verändern noch nichts. Was es braucht, sind erfahrbare Lernräume. Genau dafür sind die DenkBar, MachBar, BeobachtBar und DankBar gedacht. In Workshops arbeiten wir mit realen Fällen, die Menschen gehen mit ihren eigenen Beschleunigungsfallen hinein. Sie erleben die liegende Acht, wenden die pragmatische Wunderformel an, üben die Mini‑Boxenstopps. Dadurch wird aus einem abstrakten Begriff eine körperlich‑emotionale Erfahrung. Und nur das bleibt wirklich haften – gerade unter Druck.
Relevanz für Wirtschaft und Wissenschaft
Frage: Warum ist Ihr Ansatz sowohl für die Wirtschaft als auch für die Wissenschaft interessant?
Astrid Göschel: Wirtschaft braucht Modelle, die wirksam und pragmatisch sind – die sich in Meetings, Projekten und Führungssituationen anwenden lassen. Wissenschaft braucht Modelle, die theoretisch anschlussfähig und klar strukturiert sind. Mein Ansatz verbindet beides: Er knüpft an sozialwissenschaftliche Theorien der Beschleunigung und Weltbeziehung an, macht aber gleichzeitig sehr konkrete Vorschläge für die Praxis: mentale Boxenstopps, klare Entscheidungslogik in der MachBar, Beobachtungs‑ und Resonanzfragen in der BeobachtBar, Dankbarkeit als Ressource. So können Führungskräfte, Teams und Studierende gleichermaßen damit arbeiten.
Zum Schluss: Erfolg darf leicht sein
Frage: Wenn jemand nur einen einzigen Satz aus Ihrem Vortrag mitnimmt – welcher wäre das?
Astrid Göschel: Wer sich selbst den regelmäßigen Boxenstopp erlaubt, bringt IQ, EQ und Körperintelligenz zusammen – und erlebt, dass Erfolg wieder leicht sein darf. Wenn dieser Satz im Alltag aufblinkt, bevor jemand wieder in den alten Reflex verfällt, dann hat sich der Vortrag gelohnt.
Sie wollen mit IQ abschließen?
Dann wird Ihnen diese Skizze gefallen:

Sie wollen mit EQ und Resonanz abschließen?
Dann wird Ihnen dieser musikalische Beitrag von Annett Louisann gefallen:
Sie möchten mehr über „Mentale Boxenstopps für Entscheider“ erfahren?
Dann sehen Sie sich gerne den 30-Sekunden-Trailer an:
