Was eine Gesellschaft zusammenhält: nicht Empörung, sondern Qualität

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Alles scheiße?

Auf die Frage, wie sie die politische Stimmung im Land beschreiben würde, antwortete Juli Zeh jüngst in einer Fernsehsendung mit zwei Worten: „Alles scheiße.“ Damit brachte sie auf den Punkt, was viele Menschen derzeit empfinden.

Der Satz blieb mir im Gedächtnis. Nicht, weil ich ihm zustimme. Sondern weil mich etwas anderes daran beschäftigt.

Vielleicht ist die spannendere Frage gar nicht, ob wirklich alles schlecht ist.

„Vielleicht sollten wir uns fragen, was mit einer Gesellschaft geschieht, die immer schlechter darin wird, ihre eigene Qualität zu erkennen, anzuerkennen und sich zu ihr zu bekennen.“

Qualität erkennen ist keine Selbstverständlichkeit

Denn Qualität zu erkennen ist keineswegs selbstverständlich. Qualität erkennen. Qualität anerkennen. Und schließlich den Mut haben, sich zu ihr zu bekennen.

Vielleicht geht genau diese Fähigkeit gerade verloren.

Wir sehen Fehler schneller als Fähigkeiten. Defizite deutlicher als Potenziale. Und wir beschreiben uns selbst häufig mit einer Schärfe, die wir anderen kaum zumuten würden.

Warum Klarheit vor Schönheit geht

Mit fünfundzwanzig hat mir ein Mentor einen Satz mitgegeben, der mich mit fünfzig noch trägt.

Er pflegte zu sagen:

Klarheit geht vor Schönheit. Weil Klarheit immer auch schön ist.

Nicht, weil Ästhetik unwichtig wäre. Sondern weil es Situationen gibt, in denen ein Gedanke so deutlich ausgesprochen werden muss, dass er aufrüttelt, zum Nachdenken zwingt und Orientierung stiftet.

Vor diesem Hintergrund bekam auch seine ebenso drastische wie einprägsame Antwort auf meine Frage nach der erstaunlichen Beliebtheit mancher fragwürdiger Angebote im Weiterbildungsbereich eine andere Bedeutung:

„Milliarden Fliegen fliegen auf Scheiße. Muss Scheiße deshalb gut sein?“

Wer sich an der Derbheit des Ausdrucks stößt, dem sei sein erster Satz in Erinnerung gerufen. Denn hinter der Provokation steckt eine zeitlose Frage.

Ist Popularität ein Gütesiegel?

Ist das, worauf viele Menschen reagieren, automatisch von Qualität?

Ist Popularität ein Gütesiegel?

Ist Lautstärke ein Maßstab?

Wohl kaum.

Denn Qualität war noch nie eine Mehrheitsveranstaltung. Qualität erkennt man nicht an der Zahl der Begeisterten, sondern an ihrer Substanz.

Der Blick auf den Misthaufen

Vielleicht gilt das auch für die allgegenwärtigen Untergangserzählungen.

„Alles scheiße“ beschreibt möglicherweise weniger die Wirklichkeit als den Blick auf sie.

Denn wer den ganzen Tag auf den Misthaufen schaut, sollte sich nicht wundern, wenn er am Ende nur noch den Geruch wahrnimmt.

Es wird allerdings immer Menschen geben, die schon beim ersten Geruch umdrehen.

Nicht aus Arroganz. Sondern weil sie gelernt haben, zwischen Lautstärke und Substanz, zwischen Trend und Wert, zwischen Masse und Qualität zu unterscheiden.

Warum Untergangsromantik keine Zukunft schafft

„Wer Qualität erkennen kann, ist nicht auf Untergangsromantik angewiesen.“

Innovation, Kapital und Technologie sind wichtig.

Aber vielleicht beginnt Zukunftsfähigkeit schon viel früher – mit der Fähigkeit, Qualität zu erkennen.

Vielleicht besteht die eigentliche Zukunftskompetenz einer Gesellschaft deshalb nicht allein in Innovation, Kapital oder Technologie.

Vielleicht besteht sie zunächst in etwas viel Grundsätzlicherem:

in der Fähigkeit, Qualität zu erkennen.

Die eigentliche Zukunftskompetenz

Denn möglicherweise ist der Verlust der Qualitätserkennung gefährlicher als mancher wirtschaftliche Rückstand.

Was eine Gesellschaft zusammenhält, ist auf Dauer nicht Empörung.

Es ist auch nicht die permanente Suche nach dem nächsten Anlass zur Aufregung.

Gesellschaften leben von Vertrauen, von Verantwortung und von der Fähigkeit, Wertvolles vom Beliebigen zu unterscheiden.

Vielleicht beginnt Zusammenhalt deshalb nicht bei der Empörung, sondern bei der Qualität.

Und vielleicht gehört die Zukunft nicht den Lautesten.

Sondern den Unterscheidern.

„Alles scheiße“ mag ein Gefühl und eine Stimmung beschreiben.

Aber es ist noch kein Qualitätsurteil.


Manchmal denkt man einen Gedanken am besten zu Ende, wenn man ihn vertont. Hier ist der Versuch:

„Ich habe diesen Artikel mit dem Kopf geschrieben. Den ersten Song mit dem Herzen. Und dann kam noch ein zweiter – der fragt, wie das alles eigentlich entsteht. Er heißt ‚Organisierte Gedankenlosigkeit‘. Und er endet mit einer Haltung.“

Astrid Göschel M.A.

Strategische Denkpartnerin für Entscheider | EU-Unternehmensbotschafterin für weibliches Unternehmertum |

Gedanken für Entscheider, Unterscheider und Ermöglicher

WeiterdenkBAR

Den Impuls zu diesem Artikel verdanke ich Juli Zeh – und einer Frage, die ihr meiner Meinung nach nicht gerecht wurde.

„Sie ist eine der klügsten und streitbarsten Denkerinnen Deutschlands — und am stärksten dort, wo ihr Denken keine Grenzen kennt. In der WeiterdenkBAR finden Sie drei Gespräche mit ihr, darunter ihren Dialog mit Barbara Bleisch in der Sternstunde Philosophie — ein Gespräch, das genau das eindrücklich belegt.

Besonders empfehlenswert ist ihr Auftritt bei der Langen Nacht der ZEIT 2023: ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sprach mit Juli Zeh über ihre Literatur, Lampenfieber, öffentliche Meinungsäußerung und den Umgang mit Shitstorms. Ein Abend, der zeigt, wie erhellend es sein kann, wenn jemand, der wirklich zu denken wagt, auch wirklich angemessen empfangen wird — mit einer Einführung, die dem Gespräch den richtigen Rahmen gibt, mit echtem Interesse, guter Vorbereitung und Fragen, die der Denkerin gerecht werden.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und deshalb auch ein ausdrückliches Dankeschön an die ZEIT — dafür, dass Gäste hier so behandelt werden, wie sie es verdienen.

Ich bin Juli Zeh sehr dankbar, dass sie ihre Gedanken in öffentlichen Gesprächen so offen teilt und den Kraftakt auf sich nimmt.“

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Astrid Göschel M.A.

Strategische Denkpartnerin für Entscheider und Inhaberin von Mentaler Boxenstopp®. Als EU-Unternehmensbotschafterin für weibliches Unternehmertum und Ambassador des European Network of Female Entrepreneurship Ambassadors arbeitet sie dort, wo wirklich gedacht wird – und wo Führung neu definiert wird.

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