Wie Beschleunigung Menschen zum Objekt der eigenen Funktion macht
„Ich muss liefern.“ „Ich funktioniere gerade nicht.“ „Ich bin im Moment nicht performant.“ „Ich teste erst einmal meinen Marktwert.“
Vier Sätze, gesagt von vier verschiedenen Menschen, in vier verschiedenen Lebenslagen – eine Trennung, ein Projekt, eine Erschöpfung, ein Neuanfang. Und doch tun sie sprachlich genau dasselbe: Sie verschieben den Sprecher aus der Position des Subjekts in die Position des Objekts. Niemand von ihnen sagt „ich entscheide“, „ich gestalte“, „ich will“. Sie sprechen von sich wie von einer Maschine, die entweder läuft oder nicht läuft, liefert oder nicht liefert, funktioniert oder gewartet werden muss.
Man könnte das für einen Zufall des Zeitgeists halten, für ein paar unglückliche Managementfloskeln, die sich in den Alltag geschlichen haben. Ich glaube das nicht. Ich glaube, diese Sätze sind das sprachliche Symptom einer strukturellen Bewegung, die sich in den vergangenen Jahren beschleunigt hat: die Verschiebung vom Subjekt zum Objekt, vom Jäger zum Gejagten.

Die Logik der Steigerung
Der Soziologe Hartmut Rosa hat für dieses Phänomen eine Erklärung geliefert, die weit über einzelne Karrieren oder Beziehungen hinausreicht: Moderne Gesellschaften sind, seiner Diagnose nach, strukturell auf Steigerung angewiesen – auf mehr Tempo, mehr Output, mehr Optionen in derselben Zeit. Das ist kein individuelles Charakterproblem, sondern ein Systemzwang. Und dieser Zwang hat einen Kipppunkt.
Solange jemand die Beschleunigung noch steuert – den Kalender, die Prioritäten, die eigene Aufmerksamkeit –, bleibt er Subjekt seines Handelns. Ein Jäger, im Bild gesprochen: Er bestimmt Tempo, Richtung, Ziel. Doch Steigerung kennt keine Sättigung. Irgendwann reicht die eigene Steuerungskapazität nicht mehr aus, um mit dem selbst erzeugten oder von außen auferlegten Tempo Schritt zu halten. Und in genau diesem Moment kippt etwas: Aus dem, der steuert, wird der, der gesteuert wird. Aus dem Jäger wird der Gejagte.
Das ist keine Frage des Talents oder der Disziplin. Es ist, mit einiger Konsequenz zu Ende gedacht, nur eine Frage der Zeit.
Warum es die Tüchtigen zuerst trifft

Am längsten hält sich dieser Kipppunkt bei denen verborgen, die am besten steuern können. Wer gewohnt ist, Prioritäten zu setzen, Krisen zu managen, Teams zu führen, Verantwortung zu tragen, hat gelernt, Kontrolle notfalls durch noch mehr Anstrengung wiederherzustellen. Diese Fähigkeit ist über weite Strecken eine enorme Stärke. Sie wird zur Falle, wenn sie zur einzigen verfügbaren Reaktion wird – wenn auf jedes Zuviel mit noch mehr Steuerungsversuch reagiert wird, statt mit der Frage, ob überhaupt noch gesteuert werden kann.
Die Sprache verrät den Moment des Kippens oft früher, als die Betroffenen selbst ihn bemerken. Da ist die Führungskraft, die mitten in einer Umstrukturierung sagt: „Ich muss jetzt liefern“ – nicht „ich möchte etwas erreichen“, sondern liefern, wie eine Ware, pünktlich, in der erwarteten Qualität, sonst reklamiert wird. Da ist die Projektverantwortliche, erschöpft nach Monaten im Ausnahmezustand, die von sich sagt: „Ich funktioniere gerade nicht“ – als sei sie ein Gerät mit einem technischen Defekt, nicht ein Mensch, der Erholung braucht. Da ist die Führungskraft nach einer Trennung, die von ihrem eigenen „Marktwert“ spricht, in dem Moment, in dem sie eigentlich trauert. Jedes dieser Beispiele ist eine Verdichtung wiederkehrender Muster, keine reale Einzelperson – aber jedes ist mir in dieser oder sehr ähnlicher Form immer wieder begegnet, branchen- und geschlechterübergreifend.
Was diese Sätze verbindet, ist nicht ihre jeweilige Ursache, sondern ihre gemeinsame grammatische Bewegung: Der Sprecher verschwindet als Handelnder aus dem eigenen Satz und taucht als Objekt wieder auf, das funktioniert, liefert oder eben nicht.
Die letzte Illusion der Steuerung
Interessant ist, dass die Marktsprache – „ich teste meinen Marktwert“, „ich positioniere mich neu“ – dabei paradox wirkt. Sie klingt aktiv, sogar selbstbewusst. Doch genau darin liegt ihre eigentliche Funktion: Sie ist die letzte verfügbare Illusion von Steuerungshoheit, in dem Moment, in dem diese Steuerungshoheit tatsächlich verloren geht. Man spricht wie ein Jäger, gerade weil man spürt, zum Gejagten zu werden. Die Sprache holt nach, was die Situation nicht mehr hergibt.
Das erklärt auch, warum ausgerechnet analytische, kontrollgewohnte Menschen zu dieser Sprache greifen – nicht trotz, sondern wegen ihrer Steuerungsgewohnheit. Wer nie gelernt hat zu steuern, hat auch nichts zu verlieren, wenn die Steuerung wegbricht. Wer sein Leben lang souverän gehandelt hat, greift im Moment des Kontrollverlusts fast reflexhaft zu der Sprache, die ihm bislang Kontrolle verschafft hat – auch wenn sie in der neuen Situation nicht mehr trägt.

Der Stopp als Gegenbewegung
Was tun, wenn man diese Verschiebung an sich selbst bemerkt – oder bei jemandem, dessen Sprache plötzlich Objektsätze produziert, wo vorher Subjektsätze standen?
Die naheliegende Reaktion ist, noch mehr zu steuern: den Kalender enger takten, die Erwartungen an sich selbst erhöhen, die Kontrolle mit aller Kraft zurückerobern. Genau das verschärft in der Regel den Kipppunkt, statt ihn aufzulösen. Beschleunigung lässt sich nicht durch mehr Beschleunigung beantworten.
Die Alternative ist unspektakulär und deshalb schwer auszuhalten: der Stopp. Nicht als Rückzug, nicht als Kapitulation, sondern als bewusste Unterbrechung der Steigerungslogik – lange genug, um wieder wahrzunehmen, wo man eigentlich steht. Wer stoppt, kehrt nicht automatisch in die Subjektposition zurück. Aber er schafft den Raum, in dem diese Rückkehr überhaupt wieder möglich wird.
Genau das ist der Kern der Boxenstopp-Gespräche, die ich mit Entscheiderinnen und Entscheidern führe: kein Coaching im Sinne von noch mehr Optimierung, sondern die gezielte Unterbrechung der Steigerungsspirale, um die Sprache – und mit ihr das Selbstverständnis – wieder vom Objekt zurück zum Subjekt zu holen. Wer einmal erlebt hat, wie sich das anfühlt, erkennt die eigene Objektsprache danach oft schneller wieder.
Eine offene Frage
Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, wie man den Kipppunkt vom Jäger zum Gejagten verhindert. Vielleicht lässt er sich, solange die Steigerungslogik unser gemeinsames Betriebssystem bleibt, gar nicht verhindern. Die eigentliche Frage könnte lauten: Wie schnell merkt jemand, dass er gekippt ist – und wie viel Denkraum bleibt ihm dann noch, um sich selbst wieder als Subjekt zu sprechen, bevor er sich endgültig daran gewöhnt, Objekt zu sein?
Wer das Boxenstopp-Prinzip erleben möchte ist eingeladen: Am 12.12. lade ich unter dem Titel „12 Entscheide“ zu einem kurzen, kostenlosen Zoom-STOPP ein. 5 Etappen zu je 12 Minuten. Themenfokus: „Gut und sicher entscheiden unter Highspeed“.
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