
Von Astrid Göschel M.A. · Leadership-Expertin, Speakerin & Beraterin
Es gibt eine Beobachtung, die mich seit Jahren beschäftigt und die ich bisher selten so direkt ausgesprochen habe: Frauen – insbesondere erfahrene, kompetente Unternehmerinnen – schaffen Außergewöhnliches aus ihrer Intuition heraus. Und dann lassen sie es sich nehmen.
Nicht immer durch Bosheit. Manchmal durch Faszination. Manchmal durch Großzügigkeit. Manchmal einfach, weil der Moment der größten Schöpfungskraft gleichzeitig der Moment der größten Verwundbarkeit ist. Man ist im Flow – und genau dann hat man den Blick für die Flanke verloren.
Der Tauchunfall passiert nicht aus Inkompetenz. Er passiert, weil man einen Oktopus sieht und einfach weiterschwimmt.
Im Tauchsport gibt es eine Regel, die jeder kennt und deren Verletzung Leben kostet: Man taucht nie allein. Immer mit einem Buddy. Einer Person, die denselben Weg geht – und die genau dann gegensteuert, wenn man es selbst nicht mehr kann. Nicht weil man schwach ist. Sondern weil die Faszination des Augenblicks jeden überwältigen kann. Den Besten zuerst.

Was Enteignung wirklich bedeutet
Wenn ich von Enteignung spreche, meine ich nicht den juristischen Begriff. Ich meine das stille, systematische Muster, das viele Frauen aus eigener Erfahrung kennen: Man baut etwas auf – ein Konzept, ein Netzwerk, eine Methode, eine Idee. Man teilt es, weil man teilen will. Und dann rahmt jemand anderes es um, benennt es neu, skaliert es laut, und plötzlich gehört es einer Bühne, auf der man selbst nicht mehr vorkommt.
Das ist kein Einzelphänomen. Es ist ein Strukturproblem. Und es hat eine spezifische Dynamik: Es trifft besonders diejenigen, die substanziell arbeiten und wenig Show machen. Die liefern, anstatt zu inszenieren. Die Tiefe schaffen, anstatt Lautstärke.
Das Prinzip
Buddy-Schutz als Strategie

Das Buddy-Prinzip, das ich in meiner Arbeit mit Unternehmerinnen entwickelt habe, ist keine Methode aus dem Lehrbuch. Es ist eine strukturelle Antwort auf ein strukturelles Problem.
Die Idee ist einfach: Jede hat eine Schwäche. Es ist egal, welche. Was zählt, ist, ob es eine Person gibt, die diese Schwäche im Blick hat – und sofort gegensteuert, wenn der Moment kommt. Nicht urteilend. Nicht übernehmend. Sondern schützend.
Frauen fällt das – das zeigt meine Erfahrung aus über 25 Jahren Arbeit mit Entscheiderinnen – leichter als Männern. Die Bereitschaft, auf den anderen so aufzupassen wie auf sich selbst, ist in vielen Frauen tief verankert. Was fehlt, ist nicht die Fähigkeit. Was fehlt, ist die bewusste Entscheidung, diese Fähigkeit auch für sich selbst zu nutzen. Nicht nur für andere.
Wenn man lernt, auf den anderen so aufzupassen wie auf sich selbst, ist man doppelt geschützt.
Das Buddy-Prinzip

Was ich zeigen will – und was mich antreibt – ist, dass es einen anderen Weg gibt als die Skalierungslogik, die in vielen Unternehmerwelten als einzig legitimes Modell gilt. Groß, laut, schnell. Reichweite um jeden Preis. XL als Maßstab.
Ich glaube an kleine, feste, stabile Gruppen. An Vertrauen, das sich nicht skalieren lässt, aber trägt. An Erfolg, der nicht erkämpft werden muss, sondern der entsteht – wenn die richtigen Menschen füreinander da sind. Das ist keine Absage an Wachstum. Es ist eine Neudefinition dessen, was Stärke bedeutet.
Das Buddy-Prinzip ist mein Beitrag dazu. Es ist gleichzeitig Schutz, Haltung und Einladung. An alle, die schon zu viel gegeben haben, ohne dass jemand auf sie aufgepasst hat.

Ich bin 2009 als EU-Unternehmensbotschafterin ausgezeichnet worden – als Jüngste in einem Raum voller erfahrener Frauen. Es hat zwanzig Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, was diese Auszeichnung wirklich bedeutet. Nicht als Statussymbol. Sondern als Verpflichtung: zu zeigen, dass es anders geht. Dass man sich nicht entscheiden muss zwischen Wirkung und Würde. Dass Unternehmertum mit Haltung keine Einschränkung ist – sondern die eigentliche Stärke.
Der Buddy schützt einen nicht vor der Tiefe. Er sorgt dafür, dass man sicher wieder auftaucht.Astrid Göschel M.A.Leadership-Expertin, Speakerin & Beraterin · EU-Unternehmensbotschafterin (European Network of Female Entrepreneurship Ambassadors, Europäische Kommission, 2009)
